Vorbeugen statt aussperren

6. Juli 2010 | geschrieben von Fanclub-Dachverband

Aussperren und einzäunen – obwohl der DFB beim Gipfeltreffen mit den Innenministern ankündigte, verstärkt auf Dialog zu setzen, erleben Fußballfans im Ligaalltag, dass die Mittel für Fanarbeit gekürzt und stattdessen verstärkt auf Verbote und Zwangsmaßnahmen zurückgegriffen wird.

Gewalt macht Schlagzeilen – Woche für Woche präsentieren uns die Medien in immer größeren Schlagzeilen und schreienderen Bildern die neuesten „Ausschreitungen“ und „Krawalle“, die „Randalierer“ und „Chaoten“ rund um die Spieltage „anzetteln“. Die Tendenz scheint eindeutig: Eine neue Generation von Fußballbesuchern ist nur noch an Gewalt und „Erlebnis“ interessiert, aber nicht mehr am Spiel. Tatsache?

Tatsache ist, dass es einen Teil gibt, der das Kräftemessen sucht. Wie bei jedem Anlass, an dem viele, teils stark alkoholisierte Besucher, vor allem junge und männliche, aufeinandertreffen, kommt es auch bei Fußballspielen zu Auseinandersetzungen. Wie auf jedem Volksfest, in zahllosen Kneipen an jedem Wochenende.

Tatsache ist, dass diejenigen, die Staftaten verüben, dafür auch zur Verantwortung gezogen werden müssen. Beim Fußball ebenso wie bei jeder anderen Gelegenheit.

FC-Fans protestieren gegen Stadionverbote

Alles Chaoten?

Tatsache ist jedoch auch, dass niemand für etwas bestraft werden sollte, was er nicht getan hat. So verhängte die Leverkusener Fußball GmbH nach dem Auswärtsspiel im Februar 127 Stadionverbote gegen Kölner Fans – davon 43 ausschließlich mit „Ingewahrsamnahme im Rahmen eines Polizeieinsatzes“ begründet.

Tatsache ist, dass rund 20 dieser Stadionverbote, weitere könnten folgen – auch dank des Einsatzes von Dachverband und FC-Fanbeauftragtem – inzwischen wieder aufgehoben wurden (bzw. in ein lokales Hausverbot umgewandelt wurden), da den Betroffenen keinerlei Straftaten, Ordnungswidrigkeiten oder Verstöße gegen die Stadionordnung zur Last gelegt wurden.

Tatsache ist, dass sie dennoch von Ende Februar bis Anfang Mai von allen Spielen ausgeschlossen waren. Tatsache ist, dass zahlreiche unter ihnen nun im Hinblick auf die WM sogenannte Gefährderansprachen erhielten: Hausbesuche, teils auch Besuche auf der Arbeitsstelle von Polizeibeamten, die auch nicht davor zurückscheuten, Nachbarn und Bekannte auszufragen und unter Druck zu setzen.

Protest gegen die Schließung des WH-Raums

Anprangern und kürzen?

Tatsache ist auch, dass diese Fans, die sich nichts haben zuschulden kommen lassen, mit „Bekennerkampagnen“ nicht nur vor den Kopf gestoßen, sondern kriminalisiert werden.

Tatsache ist, dass dort, wo Freiräume für Fankultur geschaffen und gezielt auf Eigenverantwortung der Fans gesetzt wird, statt auf Kriminalisierung und verstärkten Einsatz der Sicherheitskräfte, die Zahl der Auseinandersetzungen ganz erheblich zurückgeht. So konnte etwa in Hannover, wo die Polizei ein vorbildliches Deeskalationskonzept entwickelt hat, die Anzahl von Sicherheitskräften pro Spieltag von 800 auf 250 gesenkt werden (Frankfurter Neue Presse vom 21.5.2010) – bei gleichzeitigem Rückgang der Konfliktzahlen. So entstehen in Stadien, in denen das sogenannte St.-Pauli-Modell die Stadionordnung prägt, also eine generelle Erlaubnis aller Fanmaterialien, viele Konflikte gar nicht erst entstehen, weil es nicht nötig ist, Fanutensilien wie Fahnen oder Banner heimlich ins Stadion zu bringen. Zum Vergleich: In Leverkusen erhielten eine ganze Reihe Fans Platzverbote, weil sie einfache Köln-Fahnen mit einer Stocklänge von 1m mit in die Arena nehmen wollten.

Ein Stein des Anstoßes in Leverkusen: Eine kleine Stadtfahne

Tatsache ist auch, dass zur Unterstüzung der eigenverantwortlichen Fanarbeit auch die sozialpädagogische Prävention gestärkt werden muss – stattdessen fällt nun der Sparhammer: Im Zuge der Haushaltssanierung der Stadt Köln wurde dem sozialpädagogischen Fanprojekt der Raum in der Radrennbahn gekündigt. Dieser Raum ermöglichte bislang eine stadionnahe Fanarbeit und bot vielen Fans eine Anlaufstelle zum Austausch, für kreative Arbeit, aber auch bei Problemen. Ein absolut falsches Signal!

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