Warum 50+1 bleiben muss

29. Oktober 2009 | geschrieben von Fanclub-Dachverband

Mit dem nächsten Gegner Hannover 96 kehrt auch ein Thema ins Müngersdorfer Stadion zurück, das für die aktive Fanszene von enormer Bedeutung ist. Hannovers Vorstandsvorsitzender Martin Kind beantragte Mitte Oktober bei der Deutschen Fußball-Liga die Aufhebung der so genannten „50+1“-Regelung. Diese Regelung schreibt den Bundesligisten vor, dass der Stammverein mindestens 50% + eine Stimme an der Lizenzspielerabteilung halten muss.

Mit dieser satzungsgemäßen Sicherung der Mehrheit an ihren eigenen Kapitalgesellschaften soll der Einfluss externer Investoren eingedämmt werden. Um die Vereine aber interessanter für eben jene Investoren zu gestalten, ähnlich wie dies zum Beispiel in England der Fall ist, kämpft Kind seit Jahren dafür, die bestehende Regelung zu kippen und durch andere Vorschriften ersetzen zu lassen. Am 11. November haben die Manager der Profiklubs die Wahl: Sollte dies in den Gremien der DFL und des DFB nicht mit der nötigen Zwei-Drittel-Mehrheit geschehen, kündigte Kind bereits jetzt schon den Gang zu den höchsten europäischen Gerichten an, um die seiner Ansicht nach gegen EU-Recht verstoßende Regelung zu Fall zu bringen. Interessant ist hierbei sicherlich die Tatsache, dass Kinds angedachte Einrahmungen der Investionsfreiheit, zum Beispiel durch längere Haltefristen oder örtliche Gebundenheit der Investoren, wohl vor einem EU-Gericht ähnlich geringe Chancen hätten, wie die derzeitige Regelung.

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Sturmreife Festung dank stumpfem Schwert

Dennoch: Die Festung „50+1“ ist in der letzten Dekade Schritt für Schritt sturmreif geschossen worden: Mit Bayer Leverkusen und dem VfL Wolfsburg spielen mit dem Pharmariesen Bayer und dem Automobilgiganten Volkswagen zwei schwergewichtige Konzerne in der Bundesliga. Weder in Leverkusen noch in Wolfsburg halten die Vereine auch nur ein Prozent an sich selber, sie sind in beiden Fällen 100%ige Töchter des Konzerns. Aus Sicht vieler ist dies von Seiten des DFB akzeptierte und praktizierte Wettbewerbsverzerrung. Heribert Bruchhagen, seines Zeichens Vorstandsvorsitzender Eintracht Frankfurts sowie im Vorstand der DFL, bezeichnete dies im Rahmen einer Diskussion über die „50+1-Regelung“ als „Sündenfall Leverkusen und Wolfsburg“, der nicht wiederholt werden sollte. Mit dem kometenhaften Aufstieg der Hoffenheimer wurde die Debatte über diese Art von Wettbewerbsverzerrung wieder angeschoben: De facto hält der Investor Hopp „nur“ 49% des Konstruktes Hoffenheim, dennoch ist er die unumgängliche Instanz in allen Fragen. Sogar bei Spielertransfers ist er als Finanzier in der Öffentlichkeit der gefragte Mann, welcher über Wohl und Wehe diktiert. Hier wird auf offensichtlichste Art und Weise das existierende Prinzip „50+1“ an der Nase herumgeführt. Mit RB Leipzig steht ein weiterer Härtefall vor der Tür der DFL. Um Investitionen außenstehender Personen oder Konzernen nicht zu gefährden, haben die Institutionen „50+1“ zu einem stumpfen Schwert verkommen lassen.

Der Einwand liegt hier auf der Hand: Warum nicht Chancengleichheit für alle und die Abschaffung der Regelung? Die Kritikpunkte sind so simpel wie auch oft genug wiederholt: Die Öffnung für weitere externe Investoren hätte laut FC-Geschäftsführer Claus Horstmann ein „Rattenrennen“ zur Folge. Im Kölner Stadt-Anzeiger äußerte er seine Bedenken gegenüber dem Aufheben der „50+1“-Regelung: „Die Vereine würden sich verkaufen – und am Ende würden die großen Vereine früher an Geld kommen und zudem auch noch höhere Beträge erwirtschaften – und wenn am Ende das Geld der Investoren aufgebraucht sei, habe man nicht nur den Abstand zwischen reichen und weniger reichen Klubs weiter vergrößert. Sondern auch nichts erreicht: Das finanzielle Niveau der Top-Klubs sei zwar für kurze Zeit gehoben worden, würde aber die Etats nicht dauerhaft stärken.“ Damit spricht Horstmann zwar nicht aus der Sicht eines Fans, sondern eines wirtschaftlich denkenden Vereinsfunktionärs, doch er trifft damit den (zumindest rationalen) Kern des Problems.

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Des Weiteren kann es nicht im Sinne der aktiven Fans sein, den Verein zu einem Spielzeug eines Vermögenden zu degradieren. Hierbei ist besonders die Abhängigkeit von den Launen einer einzelnen Person zu bedenken. Macht ihm sein Spielzeug nicht mehr den einst erwarteten Spaß, so kann die Herrlichkeit schneller vorbei sein, als Hennes „määäh“ sagen kann. Doch auch wenn selbst dies gegeben sein sollte, ist der Verein nicht davor gefeit, für das Verschulden anderer die eigene Existenz bedroht zu sehen. Dem AZ Alkmaar zum Beispiel droht aufgrund der Insolvenz der Muttergesellschaft, die von der Bankenkrise massiv getroffen wurde, unverschuldet die eigene Insolvenz. Ein weiterer, aus Sicht der Fans wichtiger Kritikpunkt sei an dieser Stelle noch hinzugefügt: Ein Investor bringt sich nicht aus reiner Menschenliebe in einen Verein ein – er möchte für sein Geld Gegenleistungen sehen. Sei es eine mächtige Position mit viel Ansehen an der Spitze des Vereins oder eine Rendite, die der Verein abwerfen soll: Um letzteres zu ermöglichen, müssen sich die Fans auf entsprechende Folgen einstellen. Die bedingungslose Liebe zu „seinem“ Verein würde wohl auf die harte Probe einer verschärft kommerziellen Vereinspolitik gestellt werden.

Abenteuerspielplatz für Neureiche

Gerade um die Folgen einer investorfreundlichen Politik abzuzeichnen, eignet sich mit England das ab- und erschreckende Beispiel für alle diejenigen, denen der Erhalt der 50+1-Regelung am Herzen liegt: Die stolze Premier League ist zum Abenteuerspielplatz von neureichen Investoren degeneriert. Waren es früher teures Gepränge, schnelle Autos, große Yachten oder beeindruckende Gebäude, mit denen sich geschmückt wurde, so scheinen heute die britischen Fußballvereine die Trumpfkarte in einem wahnwitzig anmutenden Schwanzvergleich zwischen US-amerikanischen, russischen und arabischen Milliardären zu sein. Gewiss: Die sportliche Qualität der Premier League, das internationale Ansehen und die Wettbewerbsfähigkeit in den internationalen Wettbewerben – all dies wurde durch das Einfließen externer Gelder erhöht. Es gab Saisons, da verhinderte nur das direkte Aufeinandertreffen von Manchester United und Konsorten ein rein englisches Champions-League-Halbfinale.

Doch zu welchem Preis? Die Antwort: Totale Kommerzialisierung. Was in Deutschland noch in der Entwicklung steht, ist auf der Insel bereits etablierte Realität. Völlig in Stücke geschnittene Spieltage, das Pay-TV hat Exklusivrechte, die Zusammenfassungen der Spiele kommen erst spät am Wochenende. Die Liga hat einen Sponsor, sogar der Ball hat einen. Die Preise für Eintrittskarte sind (besonders im Vergleich zur deutschen Liga) exorbitant hoch, so dass die Unterstützung seines Vereins einen aktiven Fan beinahe an den Rand des Ruins treibt. Mitunter kommt ein Stadionbesuch in Deutschland (Billigflug plus Stadionticket) deutlich günstiger als das Pendant auf der Insel. Diese Preispolitik hat natürlich Nebenwirkungen: Die einst als Stimmungsvorbild gepriesene Stadienszenerie ist in England zum Erliegen gekommen. Eine Veränderung der Publikumsstruktur sowie deren stetig fortschreitende „Vergreisung“ hat aus den Hexenkesseln Theatersäle gemacht.

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50+1 muss bleiben – für uns Fans!

Gerne werden die sportlichen Erfolge englischer Vereine in internationalen Wettbewerben dazu genutzt, die Öffnung der Vereine für externe Investoren zu propagieren, jedoch wird dabei die unterschiedlichen Traditionen des englischen und deutschen Fußballsystems völlig außer Acht gelassen. Während in England schon Ende des 19. / Anfang des 20. Jahrhunderts die Mehrzahl der Klubs als Firmen organisiert waren, weil sich eben damit leichter Investoren für den Unterhalt teurer Spieler finden ließen, ist die Tradition in Deutschland eine ganz andere. Fußball war schon seit jeher der Sport des einfachen Mannes, ein Volkssport für alle. Dies muss in den Überlegungsprozess, der sich mit dem Erhalt beziehungsweise der Abschaffung der 50+1-Regelung beschäftigt, unbedingt einfließen. Dazu gehört auch, die bestehende Regelung endlich konsequent umzusetzen und damit auch die „Sündenfälle Leverkusen/Wolfsburg“ wieder zu begradigen sowie neue a la Hoffenheim und Leipzig nicht weiter zu fördern.

Gerade aus Sicht der aktiven Fans, die ihrem Verein lebenslang die Treue halten, ist eine fortschreitende „Enteignung“, die bereits durch die Ausgliederungen der Profiabteilungen aus den Vereinen begonnen hat, nicht zu akzeptieren. Die Öffnung der deutschen Vereine für externe Investoren stellt wahrlich nicht das Öffnen der Büchse der Pandora dar, jedoch würde dadurch eine fanfeindliche, extrem kommerziell ausgerichtete Strömung in Deutschlands Fußball weiter an Auftrieb gewinnen. Dies gilt es aus unserer Sicht mit aller Macht zu verhindern. Fußball soll Volkssport bleiben – und nicht denjenigen vorbehalten sein, deren Brieftasche größeren Umfangs ist.

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Der Kampf geht weiter – 50+1 muss bleiben!!!

Weiterführende Links:

Unterschriftenaktion des Fan-Projekt beim Spiel gegen Hannover 96

Online-Unterschriftenaktion der “Chosen Few Hamburg” (Ultragruppierung des Hamburger SV)

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